Medizin-Mensch-Technik

10 Jahre „Medienpreis – Medizin Mensch Technik“

„Auszug aus dem Redemanuskript des Juryvorsitzenden Carsten Schroeder auf der Veranstaltung am 17. März in Berlin“

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
Zehn Jahre sind eine gute Gelegenheit, sich zu vergegenwärtigen, was sich in dieser Zeit in der Medizin und im Medizinjournalismus getan hat.

2007 wurde der Medienpreis erstmals verliehen, und keiner konnte so richtig vorhersagen: Was wird wohl daraus? Heute, nach 10 Jahren, ist das leicht: Er ist einer der bestdotierten und renommiertesten Journalistenpreise im Bereich Medizin und Medizintechnik. In diesem Jahr dotiert mit insgesamt 15.000 EUR.

Seit drei Jahren wird der Medienpreis - Medizin Mensch Technik gemeinsam von Medtronic und Charité ausgeschrieben. Damit haben wir auf der einen Seite ein bundesweit renommiertes Universitätsklinikum und auf der anderen Seite ein weltweit operierendes Unternehmen der Medizintechnik. Eine Kooperation, die das Renommee dieses Preises unterstreicht.

Im vergangenen Jahr haben wir erstmals einen Sonderpreis für Lokaljournalismus vergeben. Wir werden das dieses Jahr wieder tun. Dahinter steckt die Beobachtung, dass es letzten Endes doch immer die Spitzenredaktionen sind, an die die Preise gehen, GEO, Spiegel, DIE ZEIT, FAZ, Süddeutsche, oder bei den elektronischen Medien arte, WDR oder Deutschlandfunk. Dabei gibt es auch in den Lokal- und Regionalblättern hervorragende Autoren, die aber unter ganz anderen Produktionsbedingungen arbeiten. D.h. die gehen unter ganz anderen Voraussetzungen an den Start. Und mit dem Sonderpreis Lokaljournalismus wollen wir ein bisschen für Ausgleich sorgen.

10 Jahre Medienpreis - Medizin-Mensch-Technik

Welche Themen haben uns, haben Sie in diesen zehn Jahren beschäftigt? Da waren Medizinskandale wie der um die Brustimplantate aus Billigsilikon. 2010 kam dieser Stein ins Rollen, eine Patientin in Frankreich war gestorben, ihr Brustimplantat gerissen, gesundheitsschädliches Industriesilikon ausgelaufen. Stück für Stück kam der Betrug ans Tageslicht. ……

Ein anderer Skandal war der Organspende-Skandal. Weil Spenderorgane überaus knapp sind und viele Patienten jahrelang vergeblich warten, hatten einige Ärzte die Patientenakten so manipuliert, dass ihre Patienten in der Warteliste nach oben rutschten. Publik wurde das erst 2012, geschehen war es schon sehr viel früher. Die Diskussion um die Organspende hat das massiv beeinflusst. Die Spendenbereitschaft in Deutschland sank erheblich.

Ein anderes Thema, das das Spannungsfeld Medizin-Mensch-Technik besonders deutlich macht, ist der große Bereich der In-Vitro-Fertilisation, der künstlichen Befruchtung. Das ist ja nicht nur ein medizinisches Problem. Es ist eine unerhörte Belastung für die Paare mit unerfülltem Kinderwunsch. Wie kräfteraubend und zermürbend so eine Behandlung ist, haben viele von Ihnen eindrucksvoll beschrieben.

Eng damit verbunden sind Gebiete wie Pränatal-Diagnostik und Frühgeborenen-Medizin. Hier sind ethische Frage wie „Soll man alles machen, was medizinisch möglich ist“ besonders schwierig zu beantworten. Keiner würde diesen Kindern das Lebensrecht absprechen. Aber wer will sich moralisch über die Eltern entrüsten, die vor der Geburt so eine Entscheidung treffen müssen. All das sind Fragen, auf die es keine fertigen Antworten gibt.…..

Der Hirnschrittmacher beschäftigt uns, seit es den Medienpreis gibt. Eine faszinierende Technik, eine spektakuläre Technik. Aber warum sie funktioniert, haben die Ärzte bislang nur in Teilen verstanden. Das Gehirn ist viel zu kompliziert, als das man es so einfach steuern könnte. Und jede Implantation eines Hirnschrittmachers ist ein Experiment. In diesen zehn Jahren wurde versucht, immer mehr Krankheiten mit dem Hirnschrittmacher zu behandeln. Nicht nur neurologische wie zum Beispiel Parkinson. Sondern auch psychische wie zum Beispiel Depressionen. Oder, wie es ein Beitrag in diesem Jahr versuchte zu zeigen, Alkoholismus. Das war ein Experiment, und es war ein Fehlschlag. Wir waren uns in der Jury nicht einig, wie man das bewerten soll, aber wir waren uns einig, dass man darüber berichten muss.

Ein weiteres Thema ist die Frage: Wie künstlich sind die Menschen schon? Wieviel Ersatzteile gibt es bereits? Das ist eine Frage, die interessiert bereits seit Götz von Berlingen, dem Ritter mit der eisernen Hand. Nur heute ist das alles sehr viel weiter. Angefangen mit künstlichen Kniegelenken, Hüften, Schulter- oder Handgelenken. Über künstliche Ohren, dem Cochlea Implantat, künstliche Augen, dem Retina Implantat. Es wird immer mehr, was es an Ersatzteilen gibt. Wann kommt das voll implantierbare Kunstherz?

Das waren einige der großen Themen der Medizintechnik, die sich in den letzten zehn Jahren als Trends herauskristallisiert haben. Sie haben diese Themen mit Ihrer Berichterstattung kritisch begleitet.

….. Stichwort „kritisch“. Es gibt – ausgesprochen oder unausgesprochen – immer die Vermutung, na ja, das ist ein Medtronic-Preis, und da darf man über alles schreiben, nur nicht kritisch über Medtronic. Oder die Charité. Die wollen da schon ihren Namenszug in strahlendem Licht sehen.

Nein. Die Jury tickt da ganz anders. Wenn z.B. bei Berichten über Herzschrittmacher in Foto- oder Filmeinstellungen der Schriftzug von Medtronic auf einem Gerät deutlich zu erkennen war, war das kontraproduktiv. Da gab es eher einen kollektiven Aufschrei. Das war ein No-Go. Mehr noch: Wir haben 2013 einen Fernsehbeitrag, der sich verbraucherkritisch mit Medtronic auseinandersetzte, sogar mit dem ersten Preis ausgezeichnet. Es ging dabei um Sicherheit in der Medizintechnik. Die Jury lässt sich da von niemandem beeinflussen oder beeindrucken.

Soviel zu 10 Jahren Juryarbeit für den Medienpreis – Medizin Mensch Technik.

Carsten Schroeder
Jury-Vorsitzender